Gefalteter Raum

Prof. Vera Lossau und Alke Reeh

Dokumentation und Interview von Maike Jocks

Inspirierende Impulse durch Gastreferenten

ALEX PENTEK

Als Einstieg in den Workshop wurden verschiedene Falttechniken, wie die Miura- und die Albers-Faltung kennengelernt. Der Künstler Alex Pentek faltete mit den Studierenden simultan in einer Videokonferenz. Alex Pentek ist ein irischer Künstler, der Kunstwerke im öffentlichen Raum und in Galerien schafft. In beiden Bereichen beschäftigt er sich auch sehr mit dem Thema Origami. Papier ist ein vielfach anwendbares Werkzeug und vor allem Faltungen schaffen viele Möglichkeiten. Er bleibt aber nicht nur beim Material Papier sondern kreiert auch aus Materialien wie Stahl optische Falt-Kunstwerke für die Öffentlichkeit. Nebenbei beschäftigt er sich aber auch mit den Möglichkeiten von Origami über die Kunst hinaus, wie kann zum Beispiel Origami die Robotikausbildung beeinflussen.

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Hendrik Felsch
Licht- und Schattenspiel durch Miura-Faltung 

Marie Saßmannshausen 
Maßstab und Proportionen verändern den Kontext

Wiebke Heinzen
Die Albers-Faltung ist angelehnt an eine Falttechnik aus dem Bauhaus

Alina Buten 
Dramaturgie durch Einsatz von Licht und einer tieferen Kameraposition

ALKE REEH - EIN INTERVIEW

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Wie kamen Sie zur bildenden Kunst? Waren Sie schon immer kunstinteressiert oder wann war der ausschlaggebende Moment? Ich bin mathematisch interessiert und bin auch erst in diese Richtung gegangen. Danach habe ich Design studiert aber mir fehlte eine tiefere Inhaltlichkeit - philosophische Gedanken oder Analysen anstatt nur in der Form verhaftet zu bleiben. Aus diesem Grund habe ich dann freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf studiert.


Haben Sie sich wegen Ihrem mathematischen Interesse mit Faltungen beschäftigt?
Nein, ich hätte genau so gut Naturwissenschaften weitermachen können aber das war für mich immer gleichwertig. Durchaus findet man in meiner Arbeitsweise auf eine Art eine Parallele, denn es geht um das immer wieder hinterfragen und analysieren. Es ist eigentlich egal über was man nachdenkt aber man denkt eben immer nach um etwas zu begreifen. Deswegen ist meine Arbeit auch sehr heterogen, weil wenn man was begriffen hat verliert man das Interesse und widmet sich direkt der nächsten Fragestellung.
Ist es also so das Sie Ihre Kunst in erster Linie für sich selbst machen? Ich glaube schon! Meine Methode ähnelt die eines Wissenschaftler. Wir sind aber auch soziale Wesen und natürlich möchte man das dann auch zur Disposition stellen oder mit anderen darüber diskutieren. 

 

Also begreifen Sie mit Ihrer Kunst selbst erstmal Ihre Fragestellung und schauen wie Betrachter später darauf reagieren?
Ja, man stellt es einfach zur Diskussion. Genauso wie ich gerne, von guten Leuten, Sachen angucke. Es wäre auch falsch, wenn man sagt man macht es immer nur in seinem Atelier, denn ein Ausstellungsraum ist eben auch ein ganz anderer Raum und damit überprüft man, ob die eigene Arbeit diesem anderen Raum stand hält. Das ist ja auch eine Frage von Kräftemessen. Dies muss nicht immer mit Größe zu tun haben. Man kann auch ein ganz kleines Ding in eine riesen Halle tun, was man vielleicht erst übersieht, aber es dann so eine Kraft hat, dieser riesen Halle gegenüberzutreten. 

 

In der Auftaktkonferenz haben sie erzählt, dass Sie in Ihrer Umgebung alles analysieren und die Sachen die sie spannend finden, und vor allem die die in Ihnen Erinnerungen wecken, weiterdenken. Wie analysieren Sie einen Raum? Was genau passiert, wenn Sie merken diese Form interessiert mich jetzt?
Ich weiß nicht ob man das wirklich auf einen Raum bezieht. Es bezieht sich eigentlich auf alles. Ich habe ja ein bisschen mit einem didaktischen Aspekt das Beispiel mit den Tassen und den Gewölben gezeigt, weil ich dachte, dass man das besser nachvollziehen kann. Wenn man der Tasse den Henkel nimmt ist es einfach eine halbrunde Form. Wenn man jetzt so ein Foto einer Tasse betrachtet, in der Tee getrocknet ist, aber man dies nicht weiß, fragt man sich, ob die Tasse schmutzig ist oder was es sein kann? Es sieht nicht genau aus wie ein Gewölbe, hat die Optik aber es hätte nicht solche Wasserränder und auch die Perspektive stimmt nicht ganz. Das heißt, es muss immer so ein bisschen kippen, dass man denkt es ist ein schönes Gewölbe aber irgendwas stimmt hier nicht. Es muss so sein, dass der Betrachter es irgendwie dekodieren kann ohne das es zu platt ist. Und das habe ich dann für mich überprüft, auch mit vermeintlichen Röcken, die eigentlich Kuppelgewölbe sind, einfach um für mich rauszukriegen ob das geht. Damit ist es erledigt und dann mache ich damit nicht mehr weiter.
Ich habe eine Tochter. Als sie 2 Jahre alt war, waren wir an der Nordsee und ich sagte ihr, hier gibt es Quallen auf die sie aufpassen muss. 

 

Zuhause in Düsseldorf tranken wir Wein und als meine Tochter in die leere Weinflasche guckte, schreckte sie auf und meinte in der Flasche wäre eine Qualle. Jetzt guck mal in eine Weinflasche! Die hat unten diesen gewölbten Boden und wenn man reinguckt sieht das wirklich so aus. Und das ist das was ich eigentlich mache, völlig naiv oder banal, weil normalerweise würden wir Erwachsene nie eine Qualle darin sehen aber Kinder schon, weil sie das ganze System erst aufbauen müssen. Und genau sowas macht mir Spaß und das ist das was ich meine - wo irgendwas ist worüber ich nachdenke und das dann für mich rausfinde. 

 

Also arbeiten Sie an einem Projekt bis es fertig ist und fangen dann das Nächste an?
Manchmal dauert sowas 3 Jahre und dann gibt es ganz viele Arbeiten dazu und dann hat man es irgendwann verstanden.


Um auf das Thema des KMs zukommen. Faltungen sind ja auch ein Thema in Ihren Arbeiten? Warum finden Sie Faltungen so interessant?
Ich weiß gar nicht ob ich Faltungen so interessant finde! Mich hat was anderes interessiert … Wenn man sich jetzt ein mittelalterliches Gebäude anguckt. Das wirkt stofflich, weil alles mit Hand verputzt wurde und dann wird eine Kante nie hundertprozentig gerade. Das scheinbar unpräzise gibt dem Ganzen eine Aura. Deswegen fing ich an mit Stoff zu arbeiten, weil ich das sozusagen als stofflich empfand von der Oberfläche und der unpräzisen Form her. So fing ich an diese Form in Stoff zu transformieren. Heute interessiert mich
Falte überhaupt nicht mehr sondern mich interessiert wie es zu einer Faltung kommt. Eine Falte ist ja eigentlich nur was abgeschnittenes, denn eigentlich entsteht eine Falte in dem sich zwei Flächen durchdringen, wenn ich die jetzt abschneide dann ist diese Schnittkante plötzlich die Falte. Im Moment interessiert mich, wenn man jetzt meinetwegen ein ganz starkgefaltetes Teil hat und jetzt die ganzen Flächen verlängert, kriegt man ja so ein ganz merkwürdiges Gebilde, was erstmal unglaublich chaotisch ist. Interessant ist aber das wenn man das jetzt dreht dann gibt es eigentlich die gleichen Rhythmen und Formen auf allen Seiten. Falte war für mich nie wirklich das Interessenthema sondern erstmal ging es von dieser Architektur aus und das war dann so eine zufällige Erscheinung und jetzt interessieren mich eben so räumliche Durchdringungen und welche Rhythmen sich dadurch ergeben.


In Ihrem Vortrag am Montag haben Sie gezeigt, dass Sie einer glatten und strukturierten Fläche, die durch Faltungen in den Raum geht, durch Haptik, Material-Purheit, Illusionen oder Unterbrechungen, Wärme und eine Aura geben. Haben Sie Faltungen als guten Kontrast gesehen?
Das hängt sehr vom Material ab. Wenn man das Ganze jetzt aus Edelstahl machen würde, dann sieht das eher aus wie eine Turbine oder wie ein Stück von einem Schiffsantrieb. Also mir geht es immer um eine Aura und um eine Haptik und eine Sinnlichkeit und diese Sinnlichkeit ist mir bei so einem technischen Teil einfach zu kühl und eben auch in seiner Exaktheit langweilig. 


Machen Sie heute noch alles händisch?
Eigentlich fast alles. Die Arbeiten stelle ich hinterher auch selbst her, ich habe selten jemanden der dann was für mich baut. Bei manchen dreidimensionalen Durchdringungen kommt es wirklich auf Millimeter an und deswegen arbeite ich mit Rhino.


Also probieren Sie Ihre Ideen dann direkt in den Computerprogrammen aus oder skizzieren Sie vorher?
Ich habe Ideen im Kopf aber wie das immer so ist, so eine Idee ist etwas schwammiges und dann möchte man wissen wie das sozusagen aussieht, ob man noch einen Winkel verändert etc., um dann auch überall spannende Distanzen oder spannende Schnittpunkte zu haben und dafür ist Rhino klasse.


Und dann gehen Sie los, holen das Material und stellen das selbst her?
Ja genau, dann mache ich mir meine Schnittmuster und konstruiere das dann.

Sie leiten das KM mit Frau Lossau zusammen. Was möchten Sie den Studierenden näher bringen? 
Freies denken! Die Möglichkeiten von Faltungen sind gut und faszinierend aber eigentlich darf man da nicht aufhören - experimentieren und über das Wesen weiterdenken!